Antonín Dvořák (1841 – 1904)

Sinfonie Nr. 8 in G-Dur, op. 88 Böhmische Folklore in sinfonischem Gewand

Nur wenige Komponisten hatten das Glück, den Ruhm ihres Wirkens erleben zu dürfen. Antonín Dvořák ist einer von ihnen. Als regionale Berühmtheit in Böhmen gefeiert, setzt er seine kometenhafte Karriere im restlichen Europa und in Übersee fort. In New York wird er zum Direktor des Nationalkonservatoriums ernannt, im heimatlichen Prag zum Kompositionsprofessor am dortigen Konservatorium. Die Universitäten in Prag und Cambridge zeichnen ihn mit der Ehrendoktorwürde aus. Die großen Orchester dieser Welt spielen seine Werke. Wie Komponisten-Generationen vor ihm, war auch Dvořák zunächst dazu verdammt, den väterlichen Rat zu befolgen und einen bürgerlichen Beruf zu ergreifen, bevor er sich vollends – trotz elterlichen Unverständnisses – der Musik widmen konnte. Er erlernte das Orgelspiel, wurde 1862 Organist an der Kirche St. Adalbert in Prag und erhielt zeitgleich eine Anstellung als Bratschist im Orchester des tschechischen

Nationaltheaters, dessen Leitung Bedřich Smetana innehatte. Ab dem Jahr 1873 trugen seine Kompositionen erste Früchte. Zeitgleich bewarb sich Dvořák um ein Stipendium für „junge, unbemittelte und begabte Künstler“, das er prompt erhielt. In der Jury saß auch Johannes Brahms, dem Dvořáks Kompositionen so sehr gefielen, dass dieser ihn an den eigenen Verleger Simrock empfahl. Zwischen Brahms und Dvořák entwickelte sich alsbald eine Freundschaft – Dvořáks Beiname „böhmischer Brahms“ kommt also nicht von ungefähr. Während Dvořák sich in einigen VorgängerSinfonien recht unverblümt formal und thematisch an Brahms‘ sinfonischem Stil orientiert, vermeidet er mit seiner 8. Sinfonie bewusst in die Fußstapfen seines Freundes zu treten: „Ich beabsichtige ein von meinen anderen Sinfonien verschiedenes Werk zu schreiben, mit individuellen, in neuer Weise ausgearbeiteten Gedanken.“ Dazu greift Dvořák auf traditionelle slawische Folklore zurück. Eine Rezeptur, die sich seit der Entstehung seiner 5. Sinfonie erfolgreich bewährte. Erklärtes Ziel ist es schließlich, die sinfonische Klangsprache mit heimatlich-böhmischer Musik zu verbinden. Ein Wunsch, den auch sein fast zwanzig Jahre älterer Landsmann Bedřich Smetana hegte. Gilt dieser durch berühmte Kompositionen wie Die Moldau aus der sinfonischen Dichtung Má Vlast (Mein Vaterland) als Wegbereiter eines dezidiert tschechischen Nationalstils, gelang es dennoch erst Dvořák, der tschechischen Musik international zu Rang und Namen zu verhelfen. Worum Vaughan Williams sich in England zu Beginn des 20. Jahrhunderts bemühte, war Dvořák wenige Jahrzehnte zuvor in Böhmen bereits gelungen. Bei der Komposition seiner Achten ließ sich der Musiker auch durch die einzigartige Schönheit der böhmischen Berglandschaft inspirieren. An seinen Verleger schrieb Dvořák aus seinem Landhaus nahe Príbram in Südböhmen: „Ich bin schon seit sechs Wochen hier in Vysoká und, weil das Wetter so günstig und die Gegend so herrlich ist, so lebe ich hier besser wie Bismarck in Varzin und bin dabei gar nicht faul. Den ganzen Tag verbringe ich meistens in meinem Garten, den ich so schön pflege und liebe, wie die göttliche Kunst.“

Die 1889 entstandene 8. Sinfonie, die aufgrund des großen Publikumserfolgs in England den Beinamen „Englische“ erhielt, wurde am 2. Februar 1890 in Prag unter der Leitung des Komponisten uraufgeführt. Eine kantable Melodie wird wie als langsame Einleitung von Violoncello, Klarinette und Fagott in g-Moll präsentiert, welche an wichtigen Scharnierstellen der Sinfonie in mehr oder minder abgewandelter Form erklingt. Das eigentliche Hauptthema des ersten Satzes wird sodann von der Flöte sanft intoniert. Im weiteren Verlauf wandert es unverkennbar durch die anderen Holzbläserstimmen. Träumerisch beginnt das Adagio. Unüberhörbar blitzen stellenweise immer wieder herzzerreißende Melodien böhmischer Volksmusik auf. Es überwiegt jedoch ein nachdenklich-schwermütiger Tonfall. Das Scherzo arbeitet Dvořák als einen graziösen Walzer aus. Scheinbar schwerelos schweben die zarten Geigenklänge durch die Lüfte. Eine markante Trompetenfanfare eröffnet den vierten Satz, bevor die Streicherstimmen das vorgestellte Thema ausgiebig variieren. Ruhevolle, poetische Stimmungsbilder formen einen unaufgeregten Gegenpol zum turbulenten Einstieg des Satzes. Lyrische Flötenfiguren runden den idyllischen Charakter ab. Urplötzlich erwächst ein erneutes Aufbrausen: Die Sinfonie endet in einem dramatisch-tosenden Finale.

 

von Henning Albrecht