Camille Saint-Saëns (1835 – 1921)

Morceau de Concert - Harpe avec accompagnement d’Orchestre

 

Im Bann des gleißenden Klangzaubers „Niemand kennt die Musik der ganzen Welt besser als Monsieur Saint-Saëns.“ Dieses Zitat Claude Debussys über Camille Saint-Saëns verdeutlicht nur allzu gut die große Wertschätzung, die der Franzose bereits zeitlebens genoss. Selbst neben der Musik gab es wohl kaum eine Disziplin, der Saint-Saëns ablehnend gegenüberstand. Die Liste seiner Tätigkeiten ist entsprechend lang: Dichter, Dramatiker und Philosoph, Ethnologe, Astronom und Naturwissenschaftler, Zeichner und Journalist. Genau jene Vielseitigkeit war es jedoch auch, die SaintSaëns des Öfteren von unliebsamen Kritikern vorgeworfen wurde und ihm das unschöne Urteil einbrachte, ein komponierender Dilettant zu sein. Trotz der faszinierenden Vielfalt künstlerischer sowie wissenschaftlicher Interesse stand die Musik Zeit seines Lebens im Mittelpunkt seines kreativen Schaffens. Bereits im zarten Kindesalter brillierte Saint-Saëns

 

als Pianist und versuchte sich, gerade einmal dreizehnjährig, in der Komposition einer Sinfonie. Nach anfänglichem Orgelunterricht am Pariser Konservatorium studierte er Komposition bei Fromental Halévy. Über zwei Jahrzehnte lang bekleidete Saint-Saëns anschließend das Amt des Organisten an diversen Pariser Kirchen. Darüber hinaus war er 1871 Gründungsmitglied der „Société Nationale de Musique“; einer Vereinigung, die sich explizit der Förderung neuer französischer Kammermusik sowie junger talentierter Komponisten wie Henri Duparc oder Vincent d’Indy verschrieben hatte. In Anbetracht des monströsen musikalischen Œuvre, das sowohl hinsichtlich Ausmaß als auch Bedeutung in Frankreich seinesgleichen sucht, hat sich eine erstaunlich geringe Anzahl seiner Werke nachhaltig im Konzertrepertoire durchsetzen können. Erst seit den letzten Jahrzehnten wird dem Grandseigneur des französischen Klassizismus, dessen musikalisches Vokabular über seine gesamte Schaffensperiode von mehr als einem dreiviertel Jahrhundert nahezu konstant blieb, die angemessene Resonanz zuteil. Entstanden im Jahr 1918 – nur drei Jahre vor seinem Tod – bildet das Morceau de Concert Harpe avec accompagnement d’Orchestre eines von Saint-Saëns‘ Spätwerken.

 

Strahlend stolz setzt die Harfe im ersten Satz solistisch ein. Spitze, rezitativhafte Einwürfe des Orchesters vermögen ihren Schwung nicht zu bremsen. Nach einigen rasanten Glissandi der Harfe entspannt sich ein freudig erregter Dialog zwischen Soloinstrument und dezent begleitenden Orchesterstimmen. Tempo und Bewegung nehmen urplötzlich zu. Eine Kadenz der Solo-Harfe bringt darauf Beruhigung. Der erste Freudentaumel legt sich. Doch die Harfe gönnt sich nur kurz Ruhe. Sogleich stimmt sie eine schlichte Melodie an, einem Volkslied gleich. Nacheinander steigen die Holzbläser mit ein. Wie von einem Hirten auf dem Felde vorgetragen, erschallt die volksliedhafte Melodie in der Oboe, wenig später umrahmt vom Fagott. Monotone Horntöne mahnen zur Geduld. Satte Harfenakkorde leiten zum Abschluss des Allegro non troppo in eine träumerische, beinahe märchenhafte Phrase über. Untermalt von BläserStaccato-Klängen und Geigen-Pizzicati verströmt ein Harfensolo im zweiten Satz tänzerische Stimmung. Flöte, Fagott und Oboe möchten auch gerne etwas dazu beitragen, doch schon werden sie durch wasserfallartige Läufe der Harfe weggewischt. Als nächste versucht sich die Klarinette, die Oboe pflichtet ihr schnell bei. Hin und wieder fühlt man sich an den Schlusssatz aus Mendelssohns

 

 4. Sinfonie erinnert. Ein zartes Streichermotiv wagt sich hervor, bevor die restlichen Orchesterimmen zu einer massiven Steigerung ansetzen, die unmittelbar in den letzten Satz mündet. Im prächtigen Anfangsthema des ersten Satzes, vom Orchestertutti vorgetragen, entlädt sich sodann die angestaute Spannung. Ihr Hauptthema lässt sich die Harfe natürlich nur ungern nehmen und so beweist sie in mal dunkel schimmernden mal hell glitzernden Farben ihre Virtuosität.

 

von Henning Albrecht