Ralph Vaughan Williams (1872 - 1953)

English Folk Songs - Suite Auf der Suche nach vergangenen Melodien

Neben seinem aufopferungsvollen Einsatz, das englische Musikleben wieder aufblühen zu lassen, war es Ralph Vaughan Williams eine Herzensangelegenheit, einen neuartigen britisch-nationalen Musikstil zu finden.
Als Sohn eines Pfarrers in Down Ampney in der englischen Grafschaft Gloucestershire geboren, erhielt Vaughan Williams bereits als Kind ersten Klavierunterricht. Im Jahr 1889 begann er ein Kompositionsstudium bei Hubert Parry am Royal College of Music in London. Dort traf er auf den zwei Jahre jüngeren Studienkollegen Gustav Holst, mit dem ihn bald eine enge Freundschaft verband. Sie diskutierten eigene Werke und berieten sich gegenseitig in kompositorischen Fragen. Während seines Aufenthalts in Berlin war Max Bruch für einige Zeit Vaughan Williams‘ Kompositionslehrer. Jahre später zog es ihn für einen dreimonatigen Aufenthalt nach Paris, um von Mau
rice Ravel schließlich den künstlerischen Feinschliff zu erhalten.
Meisterhaft ausgebildet, begann Vaughan Williams sich nach dem Studienabschluss mit englischen Volksliedern zu beschäftigen. Daneben versuchte er sich als Verleger englischer geistlicher Musik für eine Neuedition des britischen Kirchengesangbuchs The English Hymnal. Dabei stolperte er über eine Melodie des englischen Renaissance-Komponisten Thomas Tallis, die ihn zu seiner ersten eigenständigen Komposition inspirierte. Heraus kam die Fantasia on a Theme by Thomas Tallis, in welcher Vaughan Williams das zuvor entdeckte Tallis-Thema verarbeitete und daraus ein zeitloses mystisch-meditatives StreicherKlangwerk schuf. Sein eigener kompositorischer Personalstil war endlich gefunden. Fortan sammelte er systematisch englische Volkslieder und geistliche Musik des 16. bis 18. Jahrhunderts und bearbeitete diese zu eigenen Werken.
Als eine Hommage an diese Musik versteht sich auch die English Folk Song Suite aus der Feder des beliebten Briten.
Nach einer überschwänglichen Einleitung im Holzbläser-Unisono, setzt ein gesangliches Klarinettensolo ein, das im zweiten Durchlauf von der Flöte fortgeführt wird. Als hätten die Blechbläser insgeheim auf ein verabredetes Signal gewartet, übernimmt tosendes Blech prompt die Führung, umspielt von wirbelnden Flötenfiguren. Trotz Moll-Charakter verbreitet sich augenblicklich triumphale Stimmung. Daraufhin leitet die Klarinette wieder zum Anfangsthema über – die beschwingte Einleitung beginnt von neuem.

Ein wehmütiger Akkord bildet den Auftakt zu einem klagenden Oboensolo, untermalt durch Blechbläserharmonien, die wie zähe Nebelschwaden durch die Landschaft wabern. Das trübe Bild hellt sich ein wenig auf. Schwaches Licht fällt durch den verhangenen Nebelschleier. Einen aufleuchtenden Hoffnungsschimmer verkündet die Flöte, dennoch bleibt die Stimmung eher düster. Aus der Ferne klingt ein Klarinetten-Echo herüber. Findet dort etwa ein Fest mit Musik und Tanz statt? Doch dichter Nebel umhüllt die Tanzszenerie. Ein Blechbläserchoral erinnert an den finsteren Beginn und das traurige Lied der Oboe.
Schon fegt ein fröhliches Trompetenthema alle Trübsal weg. Vor Freude überschäumend setzen die restlichen Blechbläser ein. Groß ist der Jubel! Fast meint man schottische Dudelsackklänge zu vernehmen – freilich nur das Ergebnis raffinierter  Instrumentation der Holzbläser. Getreu dem englischen Pathos werden im Finale noch einmal unmissverständlich alle Register gezogen. Kraftvoll und majestätisch schließt die Suite.


von Henning Albrecht